Hilfe! Hast du dein Werk gerade verschlimmbessert? - Soforthilfe mit Anleitung:
- Eileen Gerwat
- 21. Okt. 2024
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 21. Okt. 2025
Es war auch mir wieder passiert. Diese Verschlimmbesserei. Für mich ist sie ein noch viel größerer Gegner als alle Schreibhindernisse zusammen. Denn sie hat die Macht das Selbstvertrauen auch noch kurz vor der Ziellinie zu zerrütteln und das Werk zunichte zumachen...
Was war passiert?
Ich wollte nur noch eine handvoll Dinge an meinem Text verbessern. Der letzte Schliss eben...
Ich ging voller Tatendrang an die Arbeit und freute mich, dass alles schon nach diesem Schritt geschafft war. All die investierten Stunden, die tauben Finger und der brummende Schädel - sie waren es Wert. Denn mein Werk war beinahe fertig!
Ich war von meiner vorangegangenen Arbeit überzeugt und wirklich zufrieden. Nur dieser letzte Schliff eben, der fehlte noch.
Ich ging an die Arbeit. Sah mir alles an, notierte mir, wie genau ich den letzten Schliff angehen wollte und begann.

Und während ich verbesserte und nach den Antworten der übrig gebliebenen Fragen suchte, fand ich immer mehr, dass ich, oh weia, definitiv verbessern musste, und Antworten, die mich zu mehr Recherche und weiterführenden Fragen antrieben. Verbesserungen, die plötzlich zwingend notwendig waren und Fragen, ohne deren Beantwortung ich auf gar keinen Fall weiter machen konnte!
Das alles brachte mich dazu, dass ich unzählige neue Tabs aneinander reihte, Notizen machen und alles Neue in mein Werk einzubauen versuchte. Ich konnte kaum einen Absatz lesen, den ich plötzlich nicht angehen musste. Die bisherigen Sätze schienen mir zuweilen absolut unmöglich.

Ich korrigierte. Und korrigierte.
Und korrigierte...
Als ich mich zwang eine Pause einzulegen und damit kurz durchatmente, stellte ich fest, dass ich bereits in einen Strudel geraten war. Auch meine Gedanken kreisten.
Ich hielt inne.
Noch rechtzeitig?
Ein Blick auf mein Werk...
Ein Blick auf das Chaos auf meinem Schreibtisch...
Der Ursprungszustand meines Werkes von dem ich vorhin noch überzeugt gewesen war?
Fort. Stattdessen: Zweifel.
Uhrzeit?
Spät.
Ich hatte nicht bemerkt, wie vertieft ich darin gewesen war...
... mein Werk zu verschlimmbessern!
Wie wir uns wieder aus diesem Strudel bekommen.
Der 1. und wichtigste Schritt: Anhalten!
Stopp. Stopp. Stopp. Stopp!
Finger von der Tastatur, Stift hinlegen.
Denn alles was du machst, wenn du weitermachst, wird deine Situation bzw. dein Werk verschlimmern und dich noch tiefer in den Verdruss treiben.
Tief durchatmen. Du hast bereits gemerkt, dass du in den Strudel gekommen bist. Sehr gut.
Ignoriere jetzt alle Gedanken, die versuchen dir irgendwas Unproduktives, Kritisches, oder Gemeines einzureden. Ignoriere auch die eventuell in dir aufsteigene Wut, wenn du dein Werk bereits arg verschlimmbessert hast.
Alles gut, das lässt sich alles wieder hinbiegen.
Wisse, dass dies schon jedem Autoren passiert ist. Sogar mehrfach. Es gibt keinen direkten Impfschutz davor - Wachsamkeit und Selbstreflektion sind aber schonmal ein gutes Mittel, um das sich Anpirschen des Verschlimmbesservirusses zu erkennen und zumindest abzuschwächen. :)
So wie ich nun da saß, mir die Haare hätte raufen und irgendwas vom Tisch hätte schubsen können, so sitzt vielleicht auch du gerade da.
Schritt 2: Also stand ich auf und entfernte mich vom Schreibtisch. Geh eine Runde Spazieren- oder Einkaufen, mach die Wäsche oder den Abwasch, ... erstmal komplett raus aus dem Strudel, um seine Fangarme abzustreifen.
Wichtig dabei: Nicht darüber grübeln und nicht den negativen Gedanken nachhängen. Dein Werk ist toll, wirklich! Lass dir nichts anderes einreden. Vergiss am Besten, was passiert ist...
Wir sehen uns gleich wieder mit den nächsten Schritten ♡
Bist du wieder zurück? Gut, dann können wir uns jetzt das "neue" Werk anschauen und entscheiden, welche nächsten Schritte wir unternehmen müssen, um unser Werk UND unser Selbstbewusstsein wieder herzustellen oder sogar zu verbessern :)
Dein Werk ist großartig. Lass dich nicht von dir selbst etwas anderes sagen.
Schritt 3:
Schreibe dir auf, was du glaubst so sehr verschlimmbessert zu haben. Notiere dir auch, welche Themen sich in deine ursprüngliche ToDo-Liste dazugesellt haben.
Zum Beispiel finde ich immer schnell Themen, die ich noch unbedingt lernen und tiefer recherchieren muss - Themen, von deren Existenz ich zuvor nicht einmal etwas gewusst hatte. Manche sind zurecht wichtig, bei manchen bilde ich es mir aber auch nur ein.
Sieh dir deine Liste nun an:
Welche Punkte gehörten tatsächlich zu dem, was du ursprünglich verbessern wolltest, und was ist definitiv im Rausch geschehen?
Sieh dir auch die neuen Fragen und Themen an. Sind sie berechtigt oder kannst du sie direkt wieder streichen?
Schritt 4 Hand aufs Herz:
Was kannst du eventuell ganz einfach mit der "zurück"-Taste beheben? Wo sind tatsächlich die verschlimmgebesserten Texte oder Textteile? Und an welchen müsstest du eigentlich nur nochmal drüber gehen, damit sie dir gefallen? Gibt es auch Gedankengänge, die du mit etwas Abstand jetzt doch gar nicht so schlecht findest - oder die dich im Nachhinein sogar inspirieren?
Mit Ruhe und Abstand sieht Vieles nämlich direkt ganz anders aus. Mit Schritt 3 und 4 komme ich meistens zu dem Schluss, dass sich dann doch mindestens die Hälfte meiner Verschlimmbesserei wieder hinbiegen lässt oder sogar viel besser war, als ich zunächst dachte.
Wenn dein Verschlimmbessern gar nicht so viel angerichtet hat, wie du dachtest - dann bist du auch gar nicht so untalentiert wie du eben noch dachtest, richtig? Genau: Du bist großartig und dein Werk ebenso!
Aber was ist mit den Punkten, die wirklich verschlimmbessert wurden und was ist mit den neuen Themen, die tatsächlich bearbeitet werden müssen?
Verschlimmbessern im Erschaffungsprozess hat nichts damit zu tun, ob dein Werk am Ende großartig ist, oder nicht. Korrektur (in jede Richtung) gehört in den Schreibprozess dazu.
Natürlich wird es auch Teile in deinem Werk geben, mit denen du nach wie vor nicht zufrieden bist. Die einfachste Lösung: Schreibe sie um, als wäre sie nur ein normaler Text, den du im letzten Schliff verbessern möchtest. :) Ignoriere die Gedanken, dass du davor vielleicht einen besseren Text hattest (falls du diesen nicht wieder herstellen kannst).
Die neuen Themen, die du bearbeiten möchtest oder musst und vorher nicht eingeplant hattest, behandelst du jetzt ebenfalls so, als wären es normale Themen auf deiner ToDo-Liste. Hat sich gerade aus den noch zubearbeitenden Themen eine größere Aufgabe entwickelt, bei der sich dir bereits die Haare sträuben: ruhig bleiben.
Was genau musst du denn von diesem Thema erarbeiten oder lernen? Gibt es vielleicht eine Zusammenfassung z.B. auf Youtube, mit deren Informationen du genügend beisammen hast? Dann könntest du dir weitreichende Recherche sparen. Es kommt dabei natürlich immer darauf an, um welches Thema es geht und wie du es in dein Werk einbauen möchtest oder musst. Sollte sich jetzt eine aufwändigere Recherche ergeben haben, dann sind wir alle froh, dass du diese jetzt angehst, als im Nachhinein zu bemerken, dass da eine profunde Recherche fehlt.
Am Ende des Tages sind wir uns einig, dass der "letzte Schliff" nie mal eben so getan ist. Es klingt im ersten Moment zwar wie "ich muss das nurnoch einmal fix durchgehen" und wir wünschen es uns auch, nachdem wir so viel Zeit und Muße in unser Werk gesteckt haben, aber auch der "letzte Schliff" soll seine Zeit bekommen. Rechne dir daher direkt von Anfang an mehr Zeit dafür ein.
An dein nächstes Werk wirst du bereits erfahrener herangehen - auch an die letzte Phase :)
Hier noch ein Tipp: Bevor du die "letzter Schliff"-Phase beginnst, kopiere dir den Original-Text. So wirst du nie in Verlegenheit geraten, dass eine eventuelle Verschlimmbesserei dir deinen Originaltext zerstört. Löschen kannst du das alte Original am Ende immernoch.
Mein Fall vom Verschlimmbessern mit dem ich in diesen Beitrag eingestiegen bin, habe ich wie beschrieben lösen können und bin wieder einmal erstaunt, wie viel sich mit Ruhe und Besonnenheit lösen lässt.
Wie ist es bei dir, was konntest du aus deinem Verschlimmbessern Konstruktives mitnehmen?
Herzliche Grüße,
Eileen
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