Kurzgeschichte: Erzähl mir die Farben von Rilwen - zum internationalen Tag des Sehens 2024
- Eileen Gerwat
- 12. Okt. 2024
- 17 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 20. Okt. 2024
Erzähl mir die Farben von Rilwen
Diese Kurzgeschichte widme ich dem internationalen Tag des Sehens. Ein Tag, der uns daran erinnern soll, wie kostbar die Fähigkeit zu sehen ist.
Obwohl Sehen nur eine von fünf Sinnen ist, ist es wohl eines der schönsten. Mit dieser Kurzgeschichte möchte ich aber auch zeigen, dass selbst ohne Augenlicht die Magie eines Ortes erlebbar ist - durch die verbliebenen Sinne und durch die Augen derer, die uns begleiten.
Lasst uns denjenigen, die eine oder mehrere Fähigkeiten verloren haben daher nicht mit Mitleid oder Werten begegnen, sondern mit Gemeinschaft, Empathie und Aufmerksamkeit.
Die Sinne sind nicht nur in unserer Welt ein wichtiger Bestandteil. Auch in unseren Geschichten können und sollten wir sie in all ihrer Pracht miteinfließen lassen. Stell dir einmal vor, dein Protagonist ist blind. Wie würdest du deine Geschichte jetzt schreiben und was würde sich für deinen Protagonisten ändern?
Alle Sinne gehören in unsere Geschichten - und sind dabei nicht nur dem Erzähler vorbehalten.
Und jetzt viel Spaß mit:
Erzähl mir die Farben von Rilwen
Edric hielt sich an Vesha`s Schulter fest, während er den steinigen Weg unter seinen Füßen spürte. Die Hitze der Mittagssonne legte sich schwer auf seine Haut. Selbst durch seine Schuhsohlen konnte er spüren, wie der Stein der Straße darunter beinahe glühte. Es hätte ihn nicht gewundert, wenn die Straße in der Ferne vor Hitze geflimmert hätte.
„Die Straßen leuchten“, sagte Vesha beinahe überflüssig und ging dicht neben ihm her. Seitdem
Edric sich nach seinem Unfall dazu entschieden hatte, seinem neuen Schicksal als Blinder zu trotzen und nicht umzukehren, hatte sie sich bei ihm eingehakt und wich ihm nicht mehr von der Seite. Jetzt war ihre Stimme voller Bewunderung. „Als ob die Steine selbst in Flammen stehen.“
Eine Schweißperle rollte an Edric`s Schläfe hinunter. Seine Augenbinde, nass vor Schweiß,
konnte die Flüssigkeit schon seit Stunden nicht mehr aufsaugen. Was am Unerträglichsten daran war: seine Augen juckten und brannten, und er durfte weder kratzen noch die Lider öffnen. Manchmal, da spürte er den Schwertstreich erneut, wie er sich zerstörend über seine Augen zog.
„Es wird gleich steiler“, warnte Vesha. Zudem hatte diese kleine Frau die Macht, ihn aus den
dunklen Gedanken zurück zu holen, in die er sich nur zu leicht verlor. Es gab keine visuelle Ablenkung mehr für ihn. Ein Fluch und Segen zugleich. „Der Pfad windet sich jetzt um den Hügel. Pass auf, wo du hintrittst. Die Straße war bis jetzt zwar recht eben, aber ich kann einige Kuhlen da vorne ausmachen. Außerdem werden wir bald von einem Karren überholt", fügte sie hinzu.
Edric hob den Kopf und lauschte, während die Schritte ihres dritten Gefährten, Kael, leicht
schlurfend in weniger Entfernung vor ihnen erklangen.
Die Erhöhung der Straße kam, ebenso wie die Kuhlen, durch die Vesha ihn mit gezielten Zug-
und Schiebbewegungen lenkte. Und auch der Karren kündigte sich bald mit einem Rattern an. Edric hörte, wie vier Hufe dumpf über die Straße klapperten. Dann schnaubte es plötzlich direkt neben Edric, und er zuckte zusammen. Vesha lachte zwar nicht laut, aber ihr abruptes Ausatmen klang genauso, als würde sie breit grinsend ein Lachen zurückhalten. Edric spürte, wie sich seine Finger unbewusst in den Riemen seines Rucksacks gruben. Doch schon zog sie ihn weiter. Nicht mehr lange und sie müssten ihr Ziel erreichen: die Sonnenstadt von Rilwen.
„Wie gern ich sie mit eigenen Augen gesehen hätte...“, murmelte er nach einer Weile. Seine
Gedanken kreisten um die Erzählungen, die er über die Stadt gehört hatte und die der Grund für ihre Reise waren. Doch immer wieder wurde er vom dunklen, juckenden und brennenden Abgrund gerufen. Der große Markt der Sonnenstadt sollte der allerprächtigste und vielfältigste, exotischste und wundderbarste sein, den die Welt je geshen hatte. Die drei Gefährten kamen deshalb von weit her, um ihn zu sehen und Waren für ihre Heimat zu erstehen.
Die Steigung der Straße machte es nicht leicht. Jeder Schritt fühlte sich wackelig an, als ob der Boden ihm unter den Füßen wegrutschen könnte.
Da hörte er erneut Vesha`s Stimme neben sich, und sie klang wie Balsam für seine Wunden. Als
wüsste sie was er dachte, sagte sie: "Ich denke, dass du dich ab jetzt auf etwas anderes verlassen musst als deine Augen. Vielleicht siehst du die Welt anders, aber... sie ist immer noch da. In jedem Schritt, den du tust, in jedem Atemzug, den du nimmst, in jedem Klang, den du hörst und auf jeder deiner Fingerspitzen, wenn du deine Hände ausstreckst. Manchmal braucht es keinen Blick, um die Schönheit eines Ortes zu erfassen. Deine Sinne sind deine neue Führung." Sie machte eine Pause, als würde sie die nächsten Worte mit Bedacht auswählen. "Du siehst das, was wir übersehen."
Er nickte, sein Atem ging flach. Es mochte etwas Wahres an ihrer Aussage dran sein, aber es
war schwer, diese Wahrheit gegen seine Sehkraft einzutauschen. Ich muss es akzeptieren. Je früher, desto besser. Veshas Worten folgend, versuchte er, sich mehr auf seine Umwelt zu konzentrieren. Ich muss es akzeptieren. Und als er seinen Fokus auf die Geräusche und Gerüche um sich herum lenkte, glaubte er, ein Klopfen, ein Raunen – es klang wie das Rauschen des Meeres - zu hören und ein fremder, vielschichtiger Geruch stieg ihm kurz darauf in die Nase.
"Das glaube ich ja nicht!", rief Kael, der bereits ein gutes Stück vor ihnen war. "Die Sonnenstadt -
sie liegt direkt vor uns. Wie haben wir sie nicht früher sehen können?"
"Wir sind da?" Edric drehte seinen Kopf zu seiner Begleiterin. Ihr bestätigendes Nicken fuhr
durch ihren ganzen Körper.
"Er hat Recht! Bei meiner Großmutter, der Frau des Donners - da ist sie! Ein Felsen hat sie
perfekt verborgen, dabei ist sie so riesig und mächtig." Und wenn sie diese Floskel nutzte, wusste Edric, auch ohne ihre veränderte Stimmlage, dass sie voller Aufregung war. Sie drückte seinen Ellenbogen und zog beinahe schon daran. "Komm, komm – nur noch wenige hundert Meter! Die Mauern sind nicht einfach grau wie in den Städten bei uns. Sie schimmern, als wären sie von Goldadern durchzogen. Und da sind Türme, riesige runde Türme – sie wachsen wie Bäume aus der Stadt, als könnten sie den Himmel berühren."
Edric stellte sich die Szene vor. "Schimmernde Mauern, mit goldenen Adern... So wie die Felsen,
denen wir auf dem Weg hierher begegnet sind?"
"Genau", sagte Vesha. "Nur nicht von Sand und Geröll bedeckt. Die hier sind von Menschenhand
erbaut – glaube ich – und größer, viel größer! Das müssen mehr als fünfzehn Schritte sein, viel mehr! Die Mauer erstreckt sich bis zum Horizont."
Was musste das nur für ein Anblick sein! An die Felsen mit den Goldadern konnte er sich zum
Glück noch erinnern, auch wenn das Bild in seiner Erinnerung langsam unscharf wurde.
"Da vorne ist noch eine Straße, das muss die Hauptstraße sein." Vesha zog immer energischer
an seinem Arm, als könnte sie sich kaum zurückhalten, zu Kael vorzulaufen. "Da sind Dutzende Menschen. Sie sind beladen mit Körben und Beuteln. Manche gehen, manche sitzen auf Karren, wie der, der uns eben überholt hat. Da sind Pferde, Esel und" – sie klang fast kindlich begeistert – "was auch immer das ist, es ist ganz fantastisch! So etwas habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen!" Ihr Tempo hatte sich deutlich erhöht, und Edric fühlte sich, als würde sie ihn jetzt nur noch mit sich schleifen. Er stolperte neben ihr her und konnte ihren aufgeregten Atem hören.
"Was für ein Tier?", presste er zwischen zwei taumelnden Schritten hervor, während die
Geräusche um ihn herum lauter wurden und sich vermehrten. Was er eben noch zweifelnd gehört hatte, war nun klar und deutlich.
Vesha lachte. "Oh, wie soll ich's nur beschreiben? Es ist riesig. Die Beine sind so hoch wie ein
Mann, und es hat sandfarbenes, zotteliges Fell. Sein Rücken – das ist ja unbeschreiblich!"
"Jetzt beschreib es mir doch! Wie soll ich mir das vorstellen?"
"Es hat einen riesigen Buckel. Auf manchen der Tiere sitzen hinter diesem Buckel Reiter, in
seltsamen Körben. Da oben müssen sie hunderte Meter weit sehen können. Ja, als säßen sie auf einem wankenden Turm!"
Und als sie das sagte, hörte Edric ein genauso seltsames Blöken, während er sich die
Beschreibung in seinem inneren Auge ausmalte. Das war kein normales Schafsblöken. Es klang laut, knarzend wie ein alter Baum und gleichzeitig wie ein gequältes Stöhnen. Was bei allen guten Schöpfern war das?
"Sie hat Recht, Edric", stimmte Kael der zierlichen Frau zu. Sie schienen Kaels Vorsprung
eingeholt zu haben. "Wir sollten uns unter die Leute mischen. Edric, geh du zwischen mir und Vesha. Das Tor ist nicht mehr weit."
Der Boden unter Edrics Füßen veränderte sich von dem staubigen, harten Sandboden der
Seitenstraße von der sie kamen, hin zu großen, flachen Steinplatten der Hauptstraße. Die Platten bildeten mit etwas Abstand zueinander ein großes Mosaik. Hätte Edric sehen können, hätte er sich sehr für diese Steinmetzarbeit interessiert, aber sein Fokus lag jetzt auf den Geräuschen ringsum, die immer lauter wurden. Unzählige Stimmen, die die Sprache von Rilwen sprachen, riefen, schimpften, lachten und redeten durcheinander. Pferde, Esel, Schafe, Rinder und die Höckertiere, deren seltsames Blöken immer wieder das Geräuschgewirr durchbrachen, vermengten sich mit dem Rumpeln von Wagen. Das allgemeine Treiben vor den Toren einer großen Stadt. Die stechenden Gerüche von Tieren, Schweiß und Hitze überfluteten Edrics Sinne zusätzlich und ließen ihn für einen Moment schwindelig werden.
Neben sich konnte er Kaels Stimme hören. "Wir sind fast da. Das Tor ragt direkt vor uns auf.
Gleich tauchen wir in den Schatten der Mauern ein, du wirst es spüren, wenn es kühler wird."
Vesha drückte Edrics Arm.
Und tatsächlich, wenig später änderte sich das Stechen der direkten Sonnenstrahlen. Die
Gerüche und Geräusche blieben jedoch – und verstärkten sich. Als die Gruppe in den Schatten der Mauern eintauchte, sog Vesha hörbar den Atem ein.
"Was siehst du?", fragte Edric mit wachsender Neugier. Die Spannung in Veshas Körper hatte ihn
aufmerksam gemacht – irgendetwas musste sie besonders beeindruckt haben.
"Der Eingang ist von zwei alten Statuen flankiert", erklärte sie. "Sie sind so stark verwittert, dass
man kaum noch erkennen kann, wen oder was sie darstellen. Doch ihre Augen... sie scheinen uns zu beobachten, als ob sie noch immer wachen."
Kael drängte sie, weiterzugehen. "Das Tor ist trotz seiner Größe zu schmal, um inmitten all der
Menschen, die hinein- und herausströmen, stehenzubleiben. Lasst uns zuerst einen ruhigeren Ort aufsuchen, dann können wir dir alles beschreiben, Edric."
Und Edric wusste, dass Kael Recht hatte. Trotzdem hätte er sich gewünscht, die Stadt durch
Beschreibungen und seinen Tastsinn zu erleben, noch während sie durch das Tor gingen. Plötzlich stieß jemand von hinten gegen ihn und Vesha zog ihn sofort weiter durch die Menge.
Die Gruppe trat durch das steinerne Tor der Stadt, und sofort verschwand die Sonne gänzlich.
Was blieb, war besonders stickige Luft. Das Echo der Schritte von Mensch und Tier ströhmten in sein Gehör und verstärkten aufkommende das Gefühl von Enge.
Fast zwanzig Schritte, so hoch die Mauern und viele Schritte breit. Darin von jedem Tor aus ein
Tunnel zum hindurchschreiten, um in diese wundervollste Stadt auf Erden zu gelangen. Im Tunnel noch Statuen in den Wänden zu beiden Seiten, die Wappen auf ihren Harnischen trugen, bunt bemalt und von Stadtwachen beschützt. Wappen der Häuser der Sonnenstadt von Rilwen und Wachen, die ihre Augen in jede Richtung lenkten, um Diebe und Unwillkommene aufzuhalten. So hieß es in einer der Erzählungen über die Stadt, und so schien es zu sein.
Das Gedränge ebbte schließlich ab, als sie Mauer, Tunnel und den dahinter liegenden Torplatz
samt Wachhaus und Stallungen dahinter verlassen hatten. Noch etwas musste sich Edric gedulden, bis man ihm erzählte, was um ihn herum geschah. Doch dann, ein leichter Wind, der seine Wangen streifte und der süße Duft von Orangen, der ihm plötzlich in die Nase stieg.
"Wo sind wir?"
Jetzt ließ Vesha von ihm ab. "Setz dich erst einmal, eine Steinbank ist direkt hinter dir."
Und tatsächlich, kaum lehnte er sich leicht zurück, berührten seine Beine die Steinplatte einer
Bank. Er ließ sich auf ihr nieder und strich mit den Handflächen über den rauen Stein. "Er ist kühl."
"Ja", stimmte Vesha zu. "Wir haben eine Terrasse mit dieser Bank und ein paar Bäumen
gefunden. Sie ist nur wenige Schritte von der Hauptstraße der Stadt entfernt. Wir sind eben durch zwei verwinkelte Gassen gegangen, weißt du noch? Es ist wirklich erstaunlich, wie ruhig es hier ist, obwohl wir so nah an der belebten Hauptstraße sind. Fast wie eine andere Welt." Sie seufzte befriedigt.
Neben Edric raschelte es. Dann spürte er, wie sich eine Person neben ihn auf die Bank setzte.
Kael. Der Geruch seiner Lederweste war zu einem Erkennungsmerkmal geworden, anhand dessen Edric ihn schon von Weitem bei Windstille ausmachen konnte. "Ich frage mich, wem die Orangenbäume hier gehören. Ob wir einfach welche pflücken können?" Und schon hört Edric wie sich Kael bewegte, dann folgte ein Blätterrascheln und ein Ruck.
Ein leises Gurgeln an Edrics Ohr. "Ein Brunnen?", er legte den Kopf leicht schief, als würde das
helfen. Sofort musste er an Hunde denken, die eine ganz ähnliche Bewegung machen, wenn sie versuchen, die menschliche Welt zu verstehen. Er richtete seinen Kopf schnell wieder gerade.
"Ja, dort drüben." Vesha`s sich entfernende Stimme und der Klang ihrer leichten Schritte
verrieten ihm, dass sie in Richtung des Wassers ging. "Es ist so erfrischend und so klar wie ein Bergbach!", rief sie bald. Das Plätschern wurde plötzlich jäh unterbrochen. "Kommt her, es ist trinkbar. Erfrischt euch hier."
Die beiden Männer erhoben sich, und Kael führte Edric zu Vesha und der Wasserquelle.
"Es ist ein kleiner Brunnen. Er kommt durch ein Loch in der Wand hier. Spürst du das?", fragte
sie und legte Edrics Hand auf eine abgerundete Steinoberfläche. Auch sie war kühl. "Und hier ist das Becken, kaum größer als ein kleines Wagenrad. In seiner Mitte steht ein kleines Podest." Sie führte seine Hand weiter und ließ ihn die Umrandungen der Oberfläche ertasten. "Eine Statue steht drauf."
"Was für eine Statue ist es?"
"Eine Frau. Sie sieht aus, als würde sie sich aus dem Wasser erheben, einem Tanz gleich,
während das Wasser wie ein Schleier um sie herumfällt."
Edric versuchte sich anhand der filigranen Formen unter seinen Fingerkuppten ein Bild
vorzustellen. Doch das Bild wollte sich nicht so recht formen. Wie gern hätte er einfach die Augen geöffnet. "Das klingt friedlich", antwortete er trotzdem und konzentrierte sich auf sein Glück, jemanden wie Vesha an seiner Seite zu haben. Kael hätte ihm wohl einfach nur gesagt, dass ein Brunnen in der Nähe sei.
Nach der kleinen Rast sagte Kael: "Diese Stadt macht die Hitze da draußen erträglich. Ich hatte gedacht, dass es hier drückend und heiß sein würde. Irgendetwas hat man beim Bau anders gemacht. Die Hitze bleibt einfach vor den Mauern."
Vesha hakte sich wieder bei Edric ein. "Machen wir uns endlich auf den Weg zum Markt. Ich
kann es kaum erwarten."
Die Männer stimmten ihr zu. Auch ihre Aufregung pochte in der Brust. Sie wollten exotische
Waren kaufen, Kontakte knüpfen und so diese wundersame Welt der Sonnenstadt in ihre eigene bringen. Ihr Plan war, ein Händlernetzwerk mit direkter Lieferung aufzubauen, anstatt auf den Zufall und die unklaren Ursprünge von Waren der fliegenden Händler angewiesen zu sein. Es würde Jahre dauern, bis alles etabliert war, aber es würde niemals geschehen, wenn sie nie starteten. Und deshalb wollte Edric sich auch nicht von seinem Schicksalsschlag von ihrem Traum aufhalten lassen!
"Wie sehen die Gebäude aus?", wollte Edric endlich wissen, nachdem sie mehrere Kurven und Häuserecken hinter sich gebracht hatten. So viele Geschichten hatte er gehört, und nun, da er endlich hier war, konnte er nicht mit eigenen Augen den Grad an Wahrheit und künstlerischer Ausschmückung erkennen.
Vesha blieb mit ihm stehen und führte seine Hand an eine glatte Steinwand direkt neben
ihnen. Auch sie fühlte sich alles andere als von der Sonne aufgeheuzt an.
"Welche Farbe haben die Gebäude? Auch mit Gold durchwebt?" Edric ließ seine Finger über die
Struktur des Steins wandern, spürte die winzigen Risse und Unebenheiten in der sonst so glatten Oberfläche, die Geschichten von vergangenen Zeiten erzählten.
„Die Häuser... sie sind nicht wie die, die wir kennen. Alles ist aus hellem Stein, als ob die Stadt
aus einer einzigen großen Marmorplatte gemeißelt wurde. Es ist faszinierend, selbst ihre Formen.“
Edric versank in einem Moment Träumerei, während seine Gefährtin weiter ihr bestes gab und
von allem berichtete, was sie sah. Er bemerkte, wie er den Kopf hob, wenn sie von den vorstehenden oberen Stockwerken mit ihren Balkonen und Treppen sprach. Wie er seinen Kopf nach links und rechts wandte, wenn Vesha wie gebannt von Palmenalleen, duftenden Obstgärten auf ummauerten Anhöhen und Terrassen erzählte und Edrics Aufmerksamkeit allein durch ihre Stimme in eine neue Welt eintauchen ließ.
"Dort drüben, wieder eine Terrasse – aber mit mannshohen Statuen aus verschiedenem Stein
gemeißelt, Amphoren mit üppigen, farbenfrohen Pflanzen..." Sie zupfte an Edrics Ärmel, um ihm die Richtung zu zeigen. Es hätte ihm gleich sein können, ob sich jene Terrasse nun links oder rechts von ihm befand. Doch irgendwie fühlte es sich greifbarer an, wenn er so tat, als würde er mit seinen Augen sehen, was Vesha lobte. "Und über uns... die Sonne bricht durch die Blätter eines Baumes. Keine Ahnung, was für ein Baum das ist, aber die Blätter sehen aus wie kleine Flammen, die im Wind tanzen. Sie sind so rot wie unsere Bäume im tiefsten Herbst."
Die kleine Gruppe schritt weiter, während das Leben in der Stadt um sie herum pulsierte.
Menschen strömten an ihnen vorbei und froderten Vesha`s Konzentration. Meistens gelang es ihr, ein Anrempeln mit ihrem blinden Begleiter zu vermeiden. Doch manchmal waren die Straßen so voller Menschen, dass es sich nicht verhindern ließ. Vesha war untröstlich, als Edric einmal ins Stolpern geriet, weil er über das Bein eines Städters stolperte.
Ihre Schritte hallten auf den gepflasterten Wegen wider, Stimmen summten in der Luft, und das
Rattern von hölzernen Karren unterbrach immer wieder das gleichmäßige Klangbild. Der Geruch von frisch gebackenem Brot und exotischen Gewürzen wehte durch die Straßen.
„Die Fassaden sind voller Schnitzereien. Tiere, die sich an den Wänden entlangschlängeln –
Drachen mit Schuppen, die in der Sonne wirklich glänzen. Die Fensterrahmen sind in verschlungenen Mustern aus dunklem Holz geschnitzt.“ Vesha schien alles und jeden durch Beschreibungen für Edric sichtbar machen zu wollen. Das fürhte allerdings dazu, dass sie wie ein Wasserfall redete. „Ein Laden hat eine Tür aus blauem Glas, sie funkelt wie Wasser, das in der Sonne glitzert. Ein anderer Laden dort drüben hat bunte Glastropfen an Schnüren von seinem Baldachin hängen, die sich ständig drehen und blitzen und schillern, als würde sich ein Pfau mit gespreizten Federn schütteln. Bei unserem Wind daheim würden die Schnüre wohl wild hin und her sausen. Wie schade, ich hätte sie gerne mitgenommen. Es ist so eine Augenweide!“
Edric atmete tief ein. Die Geräusche, die Gerüche, die Beschreibungen – es fühlte sich fast so
an, als könnte er die Stadt durch ihre Worte sehen. Und doch wusste er, dass er sie nie ganz erfassen konnte. „Es muss atemberaubend sein“, murmelte er.
„Ja“, sagte Vesha sanft, „aber du verpasst nichts. Dein Gehör, dein Gefühl für die Stadt... du
erlebst sie auf eine Weise, die wir nicht können.“ Bestimmt, aber darum hatte er nie gebeten. Er presste die Lippen aufeinander und versuchte, sich weiter auf ihre Beschreibungen zu konzentrieren. „Da drüben“, begann Vesha erneut, „stehen hohe Säulen, fast so hoch wie die Palmen der Allee vorhin. Auch hier gibt es Palmen, und sie ragen hinter den Säulen in den Himmel. Die Säulen sind mit goldenen Ranken verziert, die in der Sonne funkeln. Wie... wie das Netz von Spinnen, wenn der Morgentau darauf liegt.“
Edric`s Lippen verzogen sich zu einem schwachen Lächeln. „Klingt schön. Klingt... festlich.“
Kael kam Vesha zuvor. "Du hast recht." Seine Stimme kam von schräg vor ihnen, da er stets
dabei war, für sie eine kleine, sichere Schneise durch die Menschenmenge zu bahnen. "Das Ura-Fest wird in den kommenden Tagen stattfinden. Wahrscheinlich wird die Stadt bis dahin noch viel festlicher geschmückt sein. Ich frage mich, ob wir direkt in die Außenviertel gehen sollten, um eine Unterkunft zu finden. Zu dieser Zeit ist es sehr wahrscheinlich, dass in der Innenstadt schon alles belegt ist."
Vesha schob Edric nach links, in die Richtung, in die Kaels Stimme im Laufe seines Sprechens
gewandert war. Schon bald ging die kleine Frau entspannter, und die Geräusche nahmen ab. Befanden sie sich jetzt in einer Seitengasse? „Vorsicht, der Boden hier ist etwas unebener als auf der Hauptstraße. Heb deine Füße gut an“, raunte sie ihm zu, ehe sie auf Kaels Vorschlag einging: „Es widerstrebt mir zwar, aber es klingt sinnvoll. Ich habe vorhin ein Schild gesehen, auf dem die Stadtkarte eingezeichnet war. Wenn wir in diese Richtung weitergehen, kommen wir auf kürzerem Weg zum großen Markt, dann an einem Tempel vorbei, und schließlich müssten wir durch ein kleines Tor zu den Außenvierteln gelangen. Versuchen wir es.“
Gerade als Edric sich an diesen Weg gewöhnt hatte und etwas entspannter wurde, nahmen die
Stadtgeräusche wieder zu. Und dann schwollen die Geräusche dermaßen an, dass Edric nicht wusste, wohin er zuerst seinen Kopf wenden sollte, um den einzelnen Geräuschen zu folgen und ihren Ursprung zu enträtseln. Als hätte sich ein Vorhang geöffnet. Und dann war da dieser... Geruch.
„Hier riecht es nach Zimt und süßen Früchten – das muss vom Markt kommen. Er ist also ganz
in der Nähe“, rief seine Begleiterin.
„Da vorne“, erkannte Kael.
Als Vesha Edric durch das Meer aus Geräuschen führte, drückte sie aufgeregt seinen Arm. „Ich
kann ihn sehen, den großen Markt. Schon von hier aus. Oh, du wirst nicht glauben, was ich dir gleich beschreiben werde. Lass uns noch etwas näher herangehen und uns dann ein stilles Eckchen suchen. Aber es ist genauso, wie die Geschichten erzählten – ach, was sage ich, es ist noch viel besser!“
Kael lachte. „Auf einem Markt wie diesem gibt es kein stilles Eckchen!“
Schreiende Kinder, die lachend an der fremdländischen Gruppe vorbeirannten, übertönten fast
Kaels sonst so kräftige Stimme.
"Oh“, stieß Edric hervor, als er spürte, wie etwas dicht an ihm vorbeihuschte.
Doch Vesha beruhigte ihn. „Das sind die Kinder. Sie jagen einander und verschwinden jetzt in
der Gasse, aus der wir gekommen sind. Und da drüben, in einer anderen Gasse, sitzen ein paar Halbstarke. Sie werfen bunte Bälle hoch – rot, grün und blau? Ein Mädchen ist auch dabei. Sie hat einen Stock mit einem bunten Stoffband daran und tanzt damit, wirbelt es um sich herum, als wäre sie die Frühlingsfee höchstpersönlich.“
Die Geräusche um sie herum erreichten ihren Höhepunkt. Das Klirren von Metall, das
Gemurmel der Händler, das Rufen der Kunden und irgendwo spielte Musik. Flöten, sanft und fröhlich, kleine Trommeln und andere Musikinstrumente, deren Ursprung Edric sich nicht erklären konnte – alles vermischte sich zu einem lebendigen Summen, das seine Ohren erfüllte. Es war, als ob die Stadt selbst atmete und pulsierte. Edric hatte zunehmend Schwierigkeiten, Kael richtig zu verstehen, und auch Veshas Stimme wurde immer wieder verschluckt. Obwohl es Vesha war, die sich bei ihm eingehakt hatte, war er es, der sich an ihr festhielt. Wenn er seine Gefährten hier verlieren würde, würde er sie nie wiederfinden und vollkommen orientierungslos in einer fremden Stadt und einem fremden Land sein. Umgeben von einer Sprache und Kultur, die er nicht verstand und mit denen er nicht durch Handgesten kommunizieren konnte... Er würde in einen dunklen Abgrund fallen und niemals wieder daraus hervorkommen.
„Stell dir vor, wir stehen auf einem großen Platz, umringt von steinernen Häusern mit roten
Dächern und den Balkonen, die ich vorhin beschrieben habe“, und schon war es Vesha, die ihn einmal mehr von der Kante des dunklen Abgrunds zog. „Es gibt Unmengen an Tüchern, die im Wind wehen. Von den Gebäuden und den Marktständen, sogar von Fahnenstangen und den steinernen Eingangsbögen, die es auf jeder Seite des Marktes zu geben scheint. Alles voller Menschen. Und die Farben... so viele Farben.“
Edric spürte, wie sein Atem stockte, als ihm das Wort Farben durch den Kopf ging. Ein Teil von
ihm erinnerte sich daran, wie sie aussahen – wie das satte Grün eines Waldes nach dem Regen oder das strahlende Blau eines klaren Himmels. Doch jetzt waren sie nur noch Schemen in seinem Kopf, Schatten einer Welt, die er einst kannte. „Beschreib mir die Farben“, bat er.
„Rot“, begann Vesha sofort. „Tiefrot, wie das Blut einer Rose. Daneben ein leuchtendes Gelb, das
fast wie flüssiges Sonnenlicht aussieht. Die Gewänder, die sie hier tragen, schimmern im Licht. Und dann das Blau... ein tiefes, beruhigendes Blau, wie das Meer in der Ferne. Es fühlt sich... warm und lebendig an.“
Edric nickte, obwohl das Bild, das er sich zu formen versuchte, unvollständig blieb. Er streckte
die Hand aus, und seine Finger tasteten nach dem Stoff eines nahen Standes, zu dem seine Gefährten ihn mittlerweile geführt und aufmerksam gemacht hatten. Er spürte die feine, weiche Textur zwischen seinen Fingern.
Wieder stieg ihm der Duft von Gewürzen in die Nase, als ein sanfter Wind ihn erreichte. Zimt,
Safran, Kardamom, etwas Pfeffriges. Es war überwältigend. Kurz darauf erreichte ihn auch der Duft von gebratenem Fleisch, frischen Kräutern, gebrannten Mandeln, von dem jeder einzelne Duft ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Und dann war da noch eine Vielzahl von unterschiedlich schweren, blumigen Parfums.
Hatten sich Edrics Sinne seit dem Unfall bereits etwas geschärft, so fühlte sich die Welt um ihn
herum in diesem Moment umso intensiver an. Und Vesha hörte nicht auf, unendlich aus ihrem Wort- und Beschreibungsschatz aufzuzählen, was sie sah. Dabei schob sie ihn Schritt für Schritt weiter, und wenn es möglich war, legte sie seine Hand auf alle möglichen Gegenstände, Oberflächen und Materialien, damit er ihre Beschreibungen umso lebendiger erleben konnte. Da gab es Früchte, goldene Schmuckstücke, Lederwaren, Pelze, Töpfe, Lampen, Messer, Schuhe und Hüte, kunstvolle Stühle, Sättel...
Es dauerte nicht lange, bis sie sich erneut vor einem Gewürzstand befanden, die es hier zu
Dutzenden auf dem Markt zu geben schien. Jetzt, wo die drei Gefährten direkt vor diesem Stand waren, trat er in eine Wolke intensiv süßem, würzigem und scharfen Duft ein.
„Sie stapeln sie in kleinen Schalen, direkt vor uns. Die Farben... es ist wie eine Explosion. Wie
ein Blumenmeer, so bunt.“ Vesha hatte sein Innehalten bemerkt.
Nach einer schier unendlichen Zeit hatten sie es schließlich über den vollgestopften Marktplatz
geschafft. Und obwohl Edric es beim Betreten der Stadt nicht für möglich gehalten hätte, bat er Vesha kurz darauf, ihm bis zur Herberge keine weiteren Beschreibungen mehr zu geben. Er fühlte sich erschöpft und seine Ohren klingelten.
Sobald sie ihre Herberge erreicht und eine kurze Pause gemacht hatten, würden sie ihr
weiteres Vorgehen besprechen. Sie hatten immerhin Zeit.
Da die Sonnenstadt von Rilwen genauso war wie in den blühenden Erzählungen, gab es hier
genug, um Tage und Wochen damit zu verbringen, sich überhaupt erst einen Überblick zu verschaffen und das Wichtigste zu erstehen, das sie direkt mit in ihre Heimat bringen wollten. Schon im nächsten Jahr planten sie die erste Warenlieferung in ihrer Heimat in Empfang zu nehmen. Bis dahin mussten sie vertrauensvolle und gute Handelsbeziehungen knüpfen und Warenlieferanten finden.
Ihr Exotengeschäft fernab dieser wundersamen Welt war eine große Sache. Dies sorgfältig zu
durchdenken und vorzubereiten, war das Allerwichtigste.
Ach, könnte doch nur jeder die Sonnenstadt von Rilwen einmal selbst besuchen und all das Fantastische hier erleben – mit eigenen Augen!

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