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Kurzgeschichte: Diamantenkaskaden - Im September zur Ruhe kommen


Und dies war, was der Mönch sah…


Die Berge. Sie waren ganz aus schwarzem Gestein und ihre Ähnlichkeit zu gefrorenen Wasserfällen war unübertrefflich. Und während über ihre Oberflächen Lichtkaskaden in jede erdenkliche Richtung flossen, schillerten die Sterne und der Morgengrau auf ihnen, als wären sie ein tausendgesichtiger Spiegel. Es war überraschend bizarr und wundervoll zugleich. Und wie sie himmelhoch empor wuchsen. Die Berge, ganz aus schwarzem Gestein.

Auch gab es überall Felsvorsprünge, die von dunklen, knorrigen und vom Alter sich wiegenden

Bäumen bewachsen waren. Deren niedrigen, aber überaus breiten Stämme trugen weitverzweigte Kronen. Und weil eine jede Krone des Hauptes nunmal geschmückt war, waren es auch diese. Nannten sie Blüten ihr Eigen? Wenn Blüten ein anderes Wort für Edelsteine waren, dann ja. Und wie sie funkelten! Helles Violett und dunkles, Pastellviolett und strahlendes, silbernes Violett und goldenes.


Da kam der Wind. Er wehte durch die Kronen. Schon wurden ihre federleichten Edelsteine von ihm gepflückt, und ein Regen aus Violett fiel von den Höhen. Es rauschte, es tollte, es jagte. Im nächsten Moment wurde der Schwarm zu einem Tanz gerufen und durch das Tal darunter getragen. Feines Knistern lag in der Morgenluft. Es war ganz so, wie der erste Atemzug der Welt. Dem Ende neigte sich nun die Nacht. Und der Morgen graute und erhob sich sacht.

Der Schwarm der Edelsteine folgte wirbelnd dem Fluss, der in gewundenen Schleifen durch

Täler und zwischen hoch aufragenden Felseninseln dahin floss. So wie er nun vom Morgenrot begleitet wurde, erinnerte er an ein himmlisches Duett zwischen lebendigem Silber und schlaftrunkener Morgenidylle. 

Die ganz andächtig seufzenden Zuschauer waren wie verzückt. Sie waren das Moos an den

Felsenfüßen. Es türmte sich hoch und weich auf, schmiegte sich wie ein Wollteppich sanft an das Ufer des silbernen Flusses. Und über diese waren halbrunde Brücken errichtet. Von gar zarter Struktur, wie das Diadem einer jungen Wassernymphe. Die Brücken verbanden die Strände und türkisen Grasfelder der Ufer mit den Pagodenhäusern, die sich zu jedem Atemzug des Morgens immer wieder neu erfanden. Über die Jahrhunderte ihres Bestehens beugte sie sich nun langsam über ihre eigenen Fundamente. Kühn und elegant. Ganz so, als seien auch sie Tänzer, die sich stets vor ihrem nächsten Reigen voreinander verbeugen.

Ihre Balkone sahen aus, als könnten sie schweben. Als seien sie wie die Blütenpracht der

Gärten, deren leuchtenden Kelche sich schlaftrunken regten. Und waren die Balkone genauso alt, wie die Pagodenhäuser, so machten sie keinen Laut, wenn sich die violetten Edelsteine auf ihren Geländern niederließen. Nur wenige Momente waren den Tänzern an diesem Ort vergönnt, diesen diamantenen Blüten, die von weit droben herabgekommen waren. Sie erzitterten im nächsten Lüftchen und machten sich für den nächsten Tanz bereit. Schon kam der Wind erneut und streckte seine Hand nach ihnen aus. Sie wurden ergriffen, mit pochenden Herzen und stoben kaskadengleich empor. Sie wirbelten und tanzten, sie drehten sich gar wohlgefällig. Der Wind trug sie weiter fort, in Höhen und Täler, vorbei an Wegen und dem Fluss, an Bäumen und Gärten und dem Erwachen der Welt.

Bis sie einen Felsen hinaufstoben. Dort waren sie so sehr von dem ihnen dargebotenen

Anblick entzückt, dass der Wind ihr Bitten nachkam und sie nach einem letzten, feurig aufleuchtendem Wirbel an jenem Plateau zurückließ. Und während die violetten Blüten sich niederließen, zu Boden dieses Ortes, da erfüllte ein friedliches Seufzen die Luft.


Und das war, was der Mönch sah. Er saß auf jenem Felsplateau kannte all diese erwachenden Augenblicke. Sein Herz war stets darüber erfreut, an jeden einzelnen Tag, in aufrichtiger Dankbarkeit über diese Schönheit. Er wartete noch ein wenig, dann schloss er die Augen. Sein kahler Kopf neigte sich, seine Hände waren gefaltet und sein Herzschlag verlangsamte sich. 

Die Zeit, die dann verging, lockte einen kleinen Unruhestifter an, der es sich nach einer Weile

heimlicher Beobachtung nicht verkneifen konnte, einen walnussgroßen Stein zu werfen. Es lag kein böswilliger Gedanke hinter dieser Tat, ganz und gar nicht. Es bestand auch keine Absicht, irgendwen oder irgendetwas zu treffen. 

Das schwarze, kleine Ding klapperte leise und kullerte mehrere Male über den Boden, bis es ein

letztes Mal vornüber kippte und schließlich vor den übereinandergeschlagenen Beinen des Mönchs zur Ruhe kam. Das Ausbleiben einer Reaktion des Mönches entlockte ein kindliches Kichern aus der Wurfrichtung. 

Kaum beugte sich die kleine Hand zu einem weiteren Kieselstein, da öffnete der Mönch ein

Auge, ganz leicht, und blinzelte. „Was soll es dir bringen, einen Meditierenden aus den Tiefen seines inneren Friedens zu holen?“, flüsterte er leise. 

Der Novize wurde plötzlich sehr still und sein schelmisches Gesicht verriet Traurigkeit. Denn

sein Blick senkte sich, ebenso wie seine schmalen Schultern. Und auch den Kopf trug er nicht länger hochgestreckt. Ein Zittern lag auf seinen Lippen, die eben doch noch so freudig gestaltet waren. Langsam erhob sich der Junge und schlurfte enttarnt zu seinem Meister hinüber. Er hielt die Hände auf dem Rücken, und wo sein Blick so verloren und traurig war, da spielten seine Finger heimlich miteinander. Denn wo Kummer lag, da lag auch der Drang zur Veränderung.

Der Mönch öffnete nun auch sein anderes Auge, um den Jungen direkt anzusehen. „Wenn du

etwas zu sagen hast, dann sag es endlich. Was bringt es, es nicht zu sagen und andere zu stören? Niemand hat etwas davon.“ 

Der Junge nickte langsam und gestand: „Ich kann die Übungen nicht machen. Ich kann das

nicht. Ich verstehe nicht, wie es gelingen soll.“

„Hast du es denn schon versucht?"

Wieder war ein Nicken die Antwort. 

Der Meister lächelte. Denn er wusste, wie es um den Jungen stand. Und er wusste auch, dass es

nicht das Können war, sondern der Wille. „Dann setz dich zu mir.“ Er winkte leicht mit seiner Hand und lud den Jungen zu sich ein. Und ehe der Novize bei ihm war, hatte der Meister seine Augen bereits wieder geschlossen. Das Knirschen neben ihm verriet, dass der Junge seinen Anweisungen folgte. „Jetzt schließe deine Augen und erzähl mir, was du siehst.“ 

Zunächst war nichts zu hören. Als hätte das Kind seine Stimme verloren. Dann, ganz leise,

seufzte es. Doch die Stille blieb.

Der Mönch gab ihm noch etwas Zeit. Denn erst wenn das Summen der Gedanken und das

Rauschen des Blutes verklungen waren, würde der Junge mehr sehen können. Es war eine Frage der Zeit, und die, die hatten sie auf diesem Plateau sitzend zu genüge. Weder Wind noch der Morgen konnten sie aufhalten ihre innere Ruhe zu finden. 

„Nun, ich sehe, ich glaube, ich sehe … nein, ich kann nichts sehen.“ Das Rauschen der

herzförmigen Blätter wurde zu Wellen in einem endlosen Ozean. Der Wind brachte den Geruch von aufkeimenden Knospen und das Erwachen der Natur mit sich. Aber der Junge war zu sehr auf das konzentriert, was er bereits wusste und kannte. Und er hielt seinen Geist verschlossen. 

“Nicht die Geräusche und Farben der Welt sollst du jagen, sie werden nicht dein Schlüssel sein”,

mahnte der Mönch seinen Schüler und wartete weiter, während er sich seinem eigenen Frieden hingab und sein Herz seelig und warm pochte.

„Aber alles ist schwarz, so dunkel wie die Nacht.” So wahr, so konnte es sein, so geschah es den

meisten, wenn sie ihre Augen schlossen.

Der Meister lächelte. „Du willst mir sagen, dass es nachts nichts gibt? Was ist mit jenen Augen,

die in der Dunkelheit die Pfade auf dunklem Moos und noch dunklem Farn beschreiten? Was ist mit jenen Augen, die über die wiegenden Kronen der Bäume fliegen, wenn die Sterne von Wolken verdeckt sind? Sind all diese Leben nur Augenblicke im Nichts?” Und wie er dies sagte, das strich ein Wind über ihre Wangen, und er trug den Duft von Zimt und Kirschblüten mit sich, so schwer und blumig zugleich, so wundervoll und warm.

Vielleicht war es diese Wärme, die den Jungen zum Sprechen bewegte, vielleicht war es auch

der Wind, der die Zweifel von ihm wehte, vielleicht war es der Junge nur er selbst, der die Wahrheit erfahren wollte… denn er antwortete: “Die Welt existiert weiter, auch wenn ich nichts sehe ... Aber du hast mich gefragt, ‚was‘ ich sehe, was kann dann die Antwort sein?”

Der Mönch wiegte seinen Kopf, ganz leicht und ohne dass sein Schüler es bemerkte. “Halte

deine Augen geschlossen und konzentriere dich auf deine Atmung. Ein und aus, ganz langsam ein und aus… Sei geduldig und warte. Atme. Atme.” Und er konnte hören, wie der Junge auch diesen den Worten folgte und sich ihre Herzen bald zu einem gemeinsamen Pochen verbanden. Und da sprach der Mönch mit sanfter Stimme: “Öffne den Käfig, der deinen Geist gefangen hält. Fliege hinaus und erkunde die Welt, so wundervoll und gänzlich genug. Es sind nicht deine Augen, die dich tragen werden.” Und der Mönch wusste, dass der Schlüssel bereits in den Händen des Novizen lag. Er musste sich nur dessen gewahr werden.



Und wie kommst du im November zur Ruhe? Schreibst du eine Kurzgeschichte, Meditierst du, gehst du Wandern, ist es der Netflixabend - oder gar ein gutes Buch?


Ich habe sie als eine meiner ersten Kurzgeschichten überhaupt und als Antwort auf eine Aufgabe während meines Creative Writing Studiums geschrieben. Als ich sie letztens wiederfand, dachte ich mir, dass sie für den Monat November, die Zeit des Zu-sich-Kommens und der Ruhe sehr gut passt.


Herzliche Grüße, Eileen

 
 
 

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